Kritik: Belfast

Ein Portrait des Künstlers als kleiner Junge
Spoilerfrei!
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  • Regisseur und Schauspieler Kenneth Kenneth Branagh hat in einem, wie überall zu lesen war, “sehr, sehr persönlichen” Film seine Kindheit in Nordirland verarbeitet. Rausgekommen ist vielleicht kein Meisterwerk, aber doch ein sehenswertes Drama. Wieso es sich lohnt, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum gehts? Nordirland Ende der 60er Jahre: In einem vom Religionsstreit zwischen Katholiken und Protestanten tief gespaltenen Land wächst der junge Buddy (Jude Hill) in einer protestantischen Arbeiterfamilie auf. Sein Vater (Jamie Dornan) muss der Arbeit wegen immer wieder für längere Zeit nach England, seine Mutter (Caitríona Balfe) kümmert sich um ihn und seinen älteren Bruder (Lewis McAskie). Wir begleiten Buddy durch familiärer Schicksalsschläge, politische Unruhen und den ein oder anderen Jungenstreich… Werbung Früher war alles … Die Handlung, die eher aus diversen kleinen Erinnerungsbildern, als aus entlang eines klaren roten Fadens geordneten Szenen besteht, ist eine Auseinandersetzung mit nordirischer Geschichte. Aus Sicht Buddys erleben wir, was den Alltag zwischen den Fronten eines religiös motivierten Bürgerkrieges ausmachte. Der vage Faden, der sich evtl. benennen lässt, ist wohl die Angst, die Stadt verlassen zu müssen. Während der Junge dabei im Zentrum steht, ist Belfast jedoch mehr als nur ein Portrait seines Protagonisten. Vor allem ist er auch das Portrait einer Stadt und einer Zeit. Ohne aus heutiger Sicht zu sehr zu verklären oder gar zu entschuldigen, will der Film vor allem wohl auch als Zeitzeugnis taugen. Dass das nur zum Teil gelingt, muss gesagt werden, ist aber durch die Kinderperspektive auch nicht unbedingt falsch. Und bevor sich jemand beschwert: Ich weiß natürlich, dass James Joyce Ire und Branagh Brite aus Nordirland ist und daher der Titel dieser Kritik nicht wirklich die richtige, geografische und nationale Anspielung sein mag. Jedoch erinnert Belfast durch die Liebe für das Gefühl und die sprichwörtliche “Seele” der Stadt, durch das Einfühlungsvermögen gegenüber seinen Figuren doch ein bisschen an Joyces geradzu besessene Verarbeitung seiner Heimat Dublin – zumindest im Ansatz und wahrscheinlich der Motivation. Doch mensch möge mir gerne widersprechen! … gar nicht so anders? Wirklich bemerkenswerte literarische Qualität erreicht Belfast dann vor allem aber durch die Abbildung der Figuren und ihrer Beziehungen. Das Bild der Familie, die Beziehung zwischen Buddy und seinen Eltern, seinen Großeltern, seine erste Romanze, das kindliche Verständnis und die Interpretation der politischen Ereignisse – all diese Dinge sind wunderbar in konkreten, ab dem ersten Augenblick nicht nur überzeugenden, sondern einnehmenden Szenen eingefangen. Dabei ist Belfast eine gewisse Zeitlosigkeit eigen, wenn er eben allgemein von Familie, Heimat, Angst und Freude erzählt. In Bezug auf einen Aspekt lässt der Film jedoch, wenn auch auf hohem Niveau, zu wünschen übrig. Das visuelle Konzept, zum Großteil in schwarz weiß zu filmen, unterbrochen von farbigen Bildern beim Besuch eines Kinos oder Theaters, geht nicht wirklich auf. Die schwarz-weißen Bilder wirken vor allem wie ein simples “ist halt lange her” (dazu hier mehr) und schaffen es nicht so ganz, eine eigene Ästhetik des Ortes zu entwickeln. Stellenweise sind die Bilder, so doch gut gelungen, etwas austauschbar und könnten genauso gut das London oder Portugal oder Dortmund der 60er zeigen. Die farbigen Unterbrechungen, die ja ein sehr stark markiertes filmische Mittel sind, irritieren dabei eher, als dass sie viel erzählerische Wirkung haben, und kratzen zu sehr am Kitsch. Und gut geschauspielt! Der wohl stärkste Gestaltungsaspekt des Films ist die Leistungen der Schauspieler:innen. Auf der einen Seite steht der junge Jude Hill, der eine bemerkenswerte Darbietung gibt, die derart gekonnt ist, dass ihre Beschreibung völlig auf den Zusatz “für sein Alter” verzichten kann. Auf der anderen Seite steht aber auch Judy Dench, die in der Rolle der Großmutter brilliert und ihren kratzpfotig katastrophalen Ausrutscher in Cats (2019) fast(!) vergessen macht. Doch auch zwischen diesen beiden Altersextremen ist Belfast eigentlich makellos besetzt. Fazit: Kurz und gut. Belfast ist sehenswert. Gutes Filmhandwerk und hervorragendes Schauspiel machen ihn zu einem gelungen Werk und einem einnehmenden Kinoerlebnis. Nicht frei von Makeln, kann mensch aber sicher ein Auge zudrücken und die emotionalen Momente mehr genießen als sich über kleine Schwächen ereifern. Vor allem, weil der Film angenehmerweise auch nur im klassischen 90-minütigen Kinoformat daherkommt. Definitiv anschauen!
    Kritik: Belfast
    Handlung
    75%
    Schauspiel
    80%
    Visuelle Umsetzung
    75%
    Dialoge
    80%
    Emotionen
    85%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 21.01.2022
    Filmlänge: 97 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , ,
    Bildrechte: Universal

Gesamtbewertung:

Gut
79%

Regisseur und Schauspieler Kenneth Kenneth Branagh hat in einem, wie überall zu lesen war, “sehr, sehr persönlichen” Film seine Kindheit in Nordirland verarbeitet. Rausgekommen ist vielleicht kein Meisterwerk, aber doch ein sehenswertes Drama. Wieso es sich lohnt, erfahrt ihr in der Kritik.

Worum gehts?

Nordirland Ende der 60er Jahre: In einem vom Religionsstreit zwischen Katholiken und Protestanten tief gespaltenen Land wächst der junge Buddy (Jude Hill) in einer protestantischen Arbeiterfamilie auf. Sein Vater (Jamie Dornan) muss der Arbeit wegen immer wieder für längere Zeit nach England, seine Mutter (Caitríona Balfe) kümmert sich um ihn und seinen älteren Bruder (Lewis McAskie). Wir begleiten Buddy durch familiärer Schicksalsschläge, politische Unruhen und den ein oder anderen Jungenstreich…

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Früher war alles …

Die Handlung, die eher aus diversen kleinen Erinnerungsbildern, als aus entlang eines klaren roten Fadens geordneten Szenen besteht, ist eine Auseinandersetzung mit nordirischer Geschichte. Aus Sicht Buddys erleben wir, was den Alltag zwischen den Fronten eines religiös motivierten Bürgerkrieges ausmachte. Der vage Faden, der sich evtl. benennen lässt, ist wohl die Angst, die Stadt verlassen zu müssen.

Die Leistung des zehnjährigen Jude Hill kann kaum zu niedrig gehängt werden, da er es schafft, den Film so jung zu tragen.

Während der Junge dabei im Zentrum steht, ist Belfast jedoch mehr als nur ein Portrait seines Protagonisten. Vor allem ist er auch das Portrait einer Stadt und einer Zeit. Ohne aus heutiger Sicht zu sehr zu verklären oder gar zu entschuldigen, will der Film vor allem wohl auch als Zeitzeugnis taugen. Dass das nur zum Teil gelingt, muss gesagt werden, ist aber durch die Kinderperspektive auch nicht unbedingt falsch.

Und bevor sich jemand beschwert: Ich weiß natürlich, dass James Joyce Ire und Branagh Brite aus Nordirland ist und daher der Titel dieser Kritik nicht wirklich die richtige, geografische und nationale Anspielung sein mag. Jedoch erinnert Belfast durch die Liebe für das Gefühl und die sprichwörtliche “Seele” der Stadt, durch das Einfühlungsvermögen gegenüber seinen Figuren doch ein bisschen an Joyces geradzu besessene Verarbeitung seiner Heimat Dublin – zumindest im Ansatz und wahrscheinlich der Motivation. Doch mensch möge mir gerne widersprechen!

… gar nicht so anders?

Wirklich bemerkenswerte literarische Qualität erreicht Belfast dann vor allem aber durch die Abbildung der Figuren und ihrer Beziehungen. Das Bild der Familie, die Beziehung zwischen Buddy und seinen Eltern, seinen Großeltern, seine erste Romanze, das kindliche Verständnis und die Interpretation der politischen Ereignisse – all diese Dinge sind wunderbar in konkreten, ab dem ersten Augenblick nicht nur überzeugenden, sondern einnehmenden Szenen eingefangen.
Dabei ist Belfast eine gewisse Zeitlosigkeit eigen, wenn er eben allgemein von Familie, Heimat, Angst und Freude erzählt. In Bezug auf einen Aspekt lässt der Film jedoch, wenn auch auf hohem Niveau, zu wünschen übrig. Das visuelle Konzept, zum Großteil in schwarz weiß zu filmen, unterbrochen von farbigen Bildern beim Besuch eines Kinos oder Theaters, geht nicht wirklich auf.

Gekonnt erzählt 'Belfast' nebenbei von der Zeit, in der er spielt, ohne dabei seine Figuren aus den Augen zu verlieren.

Die schwarz-weißen Bilder wirken vor allem wie ein simples “ist halt lange her” (dazu hier mehr) und schaffen es nicht so ganz, eine eigene Ästhetik des Ortes zu entwickeln. Stellenweise sind die Bilder, so doch gut gelungen, etwas austauschbar und könnten genauso gut das London oder Portugal oder Dortmund der 60er zeigen. Die farbigen Unterbrechungen, die ja ein sehr stark markiertes filmische Mittel sind, irritieren dabei eher, als dass sie viel erzählerische Wirkung haben, und kratzen zu sehr am Kitsch.

Und gut geschauspielt!

Der wohl stärkste Gestaltungsaspekt des Films ist die Leistungen der Schauspieler:innen. Auf der einen Seite steht der junge Jude Hill, der eine bemerkenswerte Darbietung gibt, die derart gekonnt ist, dass ihre Beschreibung völlig auf den Zusatz “für sein Alter” verzichten kann.

Das Spiel mit den Farben ist wohl der größte Schwachpunkt, der den Film leider an ein paar Stellen zu nah an den Kitsch geraten lässt.

Auf der anderen Seite steht aber auch Judy Dench, die in der Rolle der Großmutter brilliert und ihren kratzpfotig katastrophalen Ausrutscher in Cats (2019) fast(!) vergessen macht. Doch auch zwischen diesen beiden Altersextremen ist Belfast eigentlich makellos besetzt.

Fazit:

Kurz und gut.

Belfast ist sehenswert. Gutes Filmhandwerk und hervorragendes Schauspiel machen ihn zu einem gelungen Werk und einem einnehmenden Kinoerlebnis. Nicht frei von Makeln, kann mensch aber sicher ein Auge zudrücken und die emotionalen Momente mehr genießen als sich über kleine Schwächen ereifern. Vor allem, weil der Film angenehmerweise auch nur im klassischen 90-minütigen Kinoformat daherkommt. Definitiv anschauen!

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