Kritik: Macbeth

Was ein Theater!
Spoilerfrei!
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  • Die Joel-Hälfte der Coen-Brüder hat sich an eine Verfilmung von Shakespeares 'MacBeth' gewagt. Rausgekommen ist kein Popcorn-Kino für den schnellen Konsum, sondern ein durchaus anspruchsvoll minimalistisches Schwarz-Weiß-Drama. Wieso das aber in keinem Fall gegen einen Kinobesuch spricht, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? Für alle, die in der Schule und auch danach nicht mit Shakespeare belästigt wurden, hier eine kurze (unvollständige) Inhaltsangabe: Schottland, irgendwann nach der mittelalterlichen Jahrtausendwende – Macbeth (Denzel Washington) kehrt siegreich und als Held aus der Schlacht zurück. Zusammen mit Banquo (Bertie Carvel) begegnet er im Nebel drei Hexen (Kathryn Hunter), die ihm prophezeien, dass er nicht nur den Adelstitel des Thane of Cawdor erhalten, sondern sogar zum König von Schottland gekrönt werden wird. Als er kurz darauf tatsächlich von König Duncan (Brendan Gleeson) zum Thane ernannt wird, beginnt er zu glauben, dass auch die andere Vorhersage stimmen und er König werden könnte. Zusammen mit seiner Frau (Frances McDormand) schmiedet er den Plan, dem Schicksal dabei etwas auf die Sprünge zu helfen… Werbung Farblose Pracht Neben der Tatsache, dass Macbeth der erste Film überhaupt ist, für den nur einer der Coen-Brüder als Regisseur verantwortlich zeichnet, ist wohl die Ästhetik des Films der bemerkenswerteste Aspekt, der zu erwähnen ist. Komplett in schwarz-weiß und im Bildverhältnis 1,19:1 gefilmt, wird eine theaterhaft stark reduzierte Welt gezeigt. Alle Kulissen sind minimalistisch gestaltet und wirken oft, wie direkt der Theaterbühne entnommen. In die (grobe) Typologisierung zeitgenössischer Schwarz-Weiß-Filme, die ich an anderer Stelle unternommen habe, lässt sich Macbeth nur bedingt einordnen. Natürlich soll durch das unzeitgemäß Farblose ein Gefühl von “lange her” erzeugt werden. Doch es damit abzutun, wäre zu grob und würde dem Film Unrecht tun. Viel eher ist anzuerkennen, dass er sich – ganz ähnlich wie z.B. auch Der Leuchtturm (2019), aber noch viel extremer – auf die Film- und Theatertradition des deutschen Expressionismus der 1920er und des frühe Surrealismus beruft. Die stark reduzierten, flächigen Kulissen in Kombination mit harter Belichtungen, in die aber immer wieder auch surrealistisch, mystisch wirkende Nebel-, Traum- und Visionsbilder eingewoben sind, sprechen eine eindeutige Sprache. Doch Tradition hin oder her, beeindruckend ist das vor allem deshalb, weil es eine beängstigende und bedrohliche Welt erschafft, die einen umfängt und in der man sich wie in einem Albtraum gefangen sieht. Macbeth versteht es, mit den erwähnten expressionistischen und surrealen Stilmitteln ganz realen Grusel zu erzeugen und eine Zwischenwirklichkeit zu erzeugen, in der man sich auf auf nichts verlassen kann und jeder Schritt unsicher scheint. Prachtvolles Schauspiel Natürlich komme ich nicht umhin, das Schauspiel ganz klar lobend zu erwähnen. Besonders Frances McDormand und Denzel Washington in den Hauptrollen leisten Großes. An keiner Stelle wirkt die unzeitgemäße Sprache Shakespeare unzeitgemäß. Durch die gekonnte Darstellung fügt sich das Fremde der Sprache in die Traumwirklichkeit des Films ein. Macbeth ist bekanntermaßen ein Stück über die Frage der Freiheit des Willens und der eigenen Entscheidungen. Wie frei ist das Handeln der Figuren, wenn es von Prophezeiungen vorgezeichnet ist? Beziehungsweise inwiefern erfüllen sich Prophezeiungen selbst, wenn man sich ihnen nur bereitwillig unterwirft? Diese Fragen, sofern man sich damit befassen mag, transportiert Macbeth vor allem deshalb ganz hervorragend, weil die Schauspieler den Stoff verstanden zu haben scheinen. Washington liefert eine wunderbar ruhige Darstellung des in den Wahn Abdriftenden. Ebenso wie McDormand, die den Umbruch der Lady Macbeth vom Getriebensein von Eifer zum Verfolgtsein von Schuld beeindruckend einfängt. Während fast alle Darsteller:innen ein lobendes Wort verdienen, möchte ich noch Kathryn Hunter in der Rolle der drei Hexen hervorheben. Durch ihr sehr körperliches Schauspiel schafft sie es, eine riesige mystische Figur zu verkörpern, fast gänzlich ohne Spezialeffekte. Spielerisches Kino? Nach so viel Lob, muss ich aber auch eine Warnung noch aussprechen: Macbeth ist hochanspruchsvolles Kino. Dadurch, dass der Film auf das originale Shakespeare-English in fast unveränderter Form setzt, ist es auch für die sprachbegabteste Zuschauer:in an vielen Stellen schwer zu verstehen. Dieses Englisch ist nun mal einfach nicht mehr geläufig und dazu auch noch hochgradig artifiziell in Versform. Ich habe nur die englische Fassung sehen können, wie der Film in deutscher Übersetzung funktioniert, kann ich leider nicht beurteilen. Ich wäre allerdings gespannt, zu hören, wie er dann wirkt. Ich würde vermuten, dass in jedem Fall hilft, schon im voraus zu wissen, worum es geht, und die Handlung zu kennen. In einer Zeit, die von “Spoilern” besessen ist, daher ein vielleicht etwas ungewöhnlicher Ratschlag: am besten die Handlung nachlesen und bereits kennen! Wenn diese Hürde aus dem Weg geräumt ist, bietet sich einem hier nämlich ein Film, der Kino wirklich auf neue Weise an seine Grenzen führt. In Form und Stil bricht Macbeth mit dem vorherrschenden Realismus-Gebot und schafft ein ganz außergewöhnliches Erlebnis, das jeder Person, die sich für Film als erzählerischem und gestalterischem Medium interessiert, dringend empfohlen sei. Fazit: Theater? Kino! Macbeth ist kein einfaches Popcorn-Kino für zwischendurch, sondern die volle Ladung Filmkunst. Es wird von der Zurschauer:in viel erwartet und dazu sollte man bereit sein. Auch ist der Film recht vorraussetzungsreich, da es am besten ist, Macbeth bereits zu kennen. Doch wer damit einverstanden ist, sich vor während und nach dem Kinobesuch aktiv am Film zu beteiligen, der darf sich auf Kino der ganz außergewöhnlichen Art freuen. Bilder und Schauspiel auf dem höchsten Niveau, ein (Kunst-) Werk, das bleiben wird!
    Kritik: Macbeth
    Handlung
    85%
    Schauspiel
    90%
    Visuelle Umsetzung
    95%
    Atmosphäre
    90%
    Szenenbild
    100%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 14.01.2022
    Filmlänge: 105 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , , ,
    Bildrechte: AppleTV / A24

Gesamtbewertung:

Meisterwerk
92%

Die Joel-Hälfte der Coen-Brüder hat sich an eine Verfilmung von Shakespeares 'MacBeth' gewagt. Rausgekommen ist kein Popcorn-Kino für den schnellen Konsum, sondern ein durchaus anspruchsvoll minimalistisches Schwarz-Weiß-Drama. Wieso das aber in keinem Fall gegen einen Kinobesuch spricht, erfahrt ihr in der Kritik.

Worum geht's?

Für alle, die in der Schule und auch danach nicht mit Shakespeare belästigt wurden, hier eine kurze (unvollständige) Inhaltsangabe: Schottland, irgendwann nach der mittelalterlichen Jahrtausendwende – Macbeth (Denzel Washington) kehrt siegreich und als Held aus der Schlacht zurück. Zusammen mit Banquo (Bertie Carvel) begegnet er im Nebel drei Hexen (Kathryn Hunter), die ihm prophezeien, dass er nicht nur den Adelstitel des Thane of Cawdor erhalten, sondern sogar zum König von Schottland gekrönt werden wird. Als er kurz darauf tatsächlich von König Duncan (Brendan Gleeson) zum Thane ernannt wird, beginnt er zu glauben, dass auch die andere Vorhersage stimmen und er König werden könnte. Zusammen mit seiner Frau (Frances McDormand) schmiedet er den Plan, dem Schicksal dabei etwas auf die Sprünge zu helfen…

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Farblose Pracht

Neben der Tatsache, dass Macbeth der erste Film überhaupt ist, für den nur einer der Coen-Brüder als Regisseur verantwortlich zeichnet, ist wohl die Ästhetik des Films der bemerkenswerteste Aspekt, der zu erwähnen ist. Komplett in schwarz-weiß und im Bildverhältnis 1,19:1 gefilmt, wird eine theaterhaft stark reduzierte Welt gezeigt. Alle Kulissen sind minimalistisch gestaltet und wirken oft, wie direkt der Theaterbühne entnommen.

Die Wucht des Szenenbildes kommt vor allem im Originalenseitenverhältnis, das wir hier leider beschnitten wiedergeben, besonders zu Geltung.

In die (grobe) Typologisierung zeitgenössischer Schwarz-Weiß-Filme, die ich an anderer Stelle unternommen habe, lässt sich Macbeth nur bedingt einordnen. Natürlich soll durch das unzeitgemäß Farblose ein Gefühl von “lange her” erzeugt werden. Doch es damit abzutun, wäre zu grob und würde dem Film Unrecht tun.

Viel eher ist anzuerkennen, dass er sich – ganz ähnlich wie z.B. auch Der Leuchtturm (2019), aber noch viel extremer – auf die Film- und Theatertradition des deutschen Expressionismus der 1920er und des frühe Surrealismus beruft. Die stark reduzierten, flächigen Kulissen in Kombination mit harter Belichtungen, in die aber immer wieder auch surrealistisch, mystisch wirkende Nebel-, Traum- und Visionsbilder eingewoben sind, sprechen eine eindeutige Sprache.

Denzel Washingtons Macbeth scheint nie richtig in der Realität zu sein, sondern immer leicht entrückt.

Doch Tradition hin oder her, beeindruckend ist das vor allem deshalb, weil es eine beängstigende und bedrohliche Welt erschafft, die einen umfängt und in der man sich wie in einem Albtraum gefangen sieht. Macbeth versteht es, mit den erwähnten expressionistischen und surrealen Stilmitteln ganz realen Grusel zu erzeugen und eine Zwischenwirklichkeit zu erzeugen, in der man sich auf auf nichts verlassen kann und jeder Schritt unsicher scheint.

Prachtvolles Schauspiel

Natürlich komme ich nicht umhin, das Schauspiel ganz klar lobend zu erwähnen. Besonders Frances McDormand und Denzel Washington in den Hauptrollen leisten Großes. An keiner Stelle wirkt die unzeitgemäße Sprache Shakespeare unzeitgemäß. Durch die gekonnte Darstellung fügt sich das Fremde der Sprache in die Traumwirklichkeit des Films ein.

Wenn die Hexen eigentlich nur eine Nebenfigur in der Handlung sind, füllt Kathryn Hunter sie so sehr aus, dass sie die Wichtigkeit einer Hauptfigur bekommen.

Macbeth ist bekanntermaßen ein Stück über die Frage der Freiheit des Willens und der eigenen Entscheidungen. Wie frei ist das Handeln der Figuren, wenn es von Prophezeiungen vorgezeichnet ist? Beziehungsweise inwiefern erfüllen sich Prophezeiungen selbst, wenn man sich ihnen nur bereitwillig unterwirft?

Diese Fragen, sofern man sich damit befassen mag, transportiert Macbeth vor allem deshalb ganz hervorragend, weil die Schauspieler den Stoff verstanden zu haben scheinen. Washington liefert eine wunderbar ruhige Darstellung des in den Wahn Abdriftenden. Ebenso wie McDormand, die den Umbruch der Lady Macbeth vom Getriebensein von Eifer zum Verfolgtsein von Schuld beeindruckend einfängt.

Während fast alle Darsteller:innen ein lobendes Wort verdienen, möchte ich noch Kathryn Hunter in der Rolle der drei Hexen hervorheben. Durch ihr sehr körperliches Schauspiel schafft sie es, eine riesige mystische Figur zu verkörpern, fast gänzlich ohne Spezialeffekte.

Spielerisches Kino?

Nach so viel Lob, muss ich aber auch eine Warnung noch aussprechen: Macbeth ist hochanspruchsvolles Kino. Dadurch, dass der Film auf das originale Shakespeare-English in fast unveränderter Form setzt, ist es auch für die sprachbegabteste Zuschauer:in an vielen Stellen schwer zu verstehen. Dieses Englisch ist nun mal einfach nicht mehr geläufig und dazu auch noch hochgradig artifiziell in Versform.

Zurecht erhält Frances McDormand einhelliges Lob für ihre einfühlsame Darstellung der Lady Macbeth.

Ich habe nur die englische Fassung sehen können, wie der Film in deutscher Übersetzung funktioniert, kann ich leider nicht beurteilen. Ich wäre allerdings gespannt, zu hören, wie er dann wirkt. Ich würde vermuten, dass in jedem Fall hilft, schon im voraus zu wissen, worum es geht, und die Handlung zu kennen. In einer Zeit, die von “Spoilern” besessen ist, daher ein vielleicht etwas ungewöhnlicher Ratschlag: am besten die Handlung nachlesen und bereits kennen!

Wenn diese Hürde aus dem Weg geräumt ist, bietet sich einem hier nämlich ein Film, der Kino wirklich auf neue Weise an seine Grenzen führt. In Form und Stil bricht Macbeth mit dem vorherrschenden Realismus-Gebot und schafft ein ganz außergewöhnliches Erlebnis, das jeder Person, die sich für Film als erzählerischem und gestalterischem Medium interessiert, dringend empfohlen sei.

Fazit:

Theater? Kino!

Macbeth ist kein einfaches Popcorn-Kino für zwischendurch, sondern die volle Ladung Filmkunst. Es wird von der Zurschauer:in viel erwartet und dazu sollte man bereit sein. Auch ist der Film recht vorraussetzungsreich, da es am besten ist, Macbeth bereits zu kennen. Doch wer damit einverstanden ist, sich vor während und nach dem Kinobesuch aktiv am Film zu beteiligen, der darf sich auf Kino der ganz außergewöhnlichen Art freuen. Bilder und Schauspiel auf dem höchsten Niveau, ein (Kunst-) Werk, das bleiben wird!

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