Kritik: München – Im Angesicht des Krieges

Deal mit dem Feuer
Spoilerfrei!
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Jugendgefährdende Inhalte
  • Auch in seinem neusten Film bleibt Christian Schwochow politisch. Der Spionage-Thriller zeigt Diplomaten und Untergrundkämpfer, die wahlweise auf Verhandlung oder Taten setzen. Zwar ist das spannend, doch optisch eine mittelmäßige Katastrophe. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s Adolf Hitler (Ulrich Matthes) plant im Jahr 1938 den Einmarsch in die Tschechoslowakei. Der britische Premierminister (Jeremy Irons) will einen neuen europäischen Krieg verhindern. Er glaubt an eine diplomatische Lösung und lädt die europäischen Großmächte zu einer Konferenz nach München. Doch Paul von Hartmann (Jannis Niewöhner), der im Untergrund den Sturz Hitlers plant, glaubt nicht an dessen Bereitschaft zum Frieden. Er hat belastende Beweise, dass der Diktator einen Expansionskrieg plant. Auch er reist nach München und will die geheimen Dokumente seinem an der Konferenz teilnehmenden britischen Freund (George MacKay) zuspielen um die Briten davon zu überzeugen, dass ein Deal mit Nazi-Deutschland keinen Frieden bringen kann. Das Ding mit den Titeln... Wer denkt sich solche Namen aus? Nein, ich rede nicht von Jeremy-Pascal, Ufo361 oder Blend A Med, ich spreche von „München – im Angesicht des Krieges“. Ein Name, der so schwergewichtig daherkommt, dass es schwer fällt, nicht die Augen zu verdrehen. Wie aus einem fiktiven Kriegsfilm, der bei den Simpsons im Kino läuft. Die Romanvorlage verwendete den kurzen, runden Titel „München“, welcher vielleicht wenig aussagekräftig, aber auch deutlich weniger schwülstig daherkommt. Der großspurige Titelzusatz lässt Ungutes vermuten, doch damit stellt sich der Film selbst ein Bein. Denn überschäumendes Pathos ist nicht das Problem des Filmes. Die Geschichte ist etwas unsauber erzählt, macht einen weiten Bogen und führt uns zunächst in den Verschwörerkreis eines möglichen Putsches gegen Hitler. Ein Putsch der ziemlich wackelig daherkommt und schließlich nicht zustande kommt, weshalb die neue Mission des ruppigen Beamten Hartmann nun lautet: der friedliche Kompromiss zwischen Nazi-Deutschland und den europäischen Mächten Italien, Frankreich und Großbritannien darf nicht unterzeichnet werden. Warum dieses Friedensabkommen verhindert werden muss, lässt sich zusammenreimen, etwas mehr Klarheit wäre trotzdem hilfreich. Die Unterzeichnung des „Friedensabkommens“, welches weder lang- noch kurzfristig Frieden bringen wird, ist der Fixstern des Films. Der britische Premierminister Neville Chamberlain, vom Plot gegen Hitler gänzlich unberührt, ist paradoxerweise eine passive Figur, in der sich jedoch das Drama des Films kondensiert. Es ist ein Film über das Spiel mit dem Feuer, über das Spiel mit Gegnern, die man zu beherrschen glaubt. Chamberlain hat die Hoffnung, mit bösen Menschen gute Deals zu schließen. Und somit ist München auch ein Film über die Möglichkeiten der Politik. Reden vs. Taten. Symbolik vs. Realpolitik. Hoffnung vs. Fakten. Seekrank durch Kinobesuch In Romanform mag sich das angenehm genießen lassen, auf der Leinwand wird es als dringlicher Kraftakt umgesetzt, der schnell überfordert. Die heftig wackelnde Kamera, die überall gleichzeitig sein möchte, erinnert eher an Crank als an ernsthafte Spionage-Thriller. Die Anspannung und Unruhe am Vorabend des Weltkrieges ist deutlich, allerdings hätten Schauspiel und Dialoge gereicht, um dies spürbar zu machen. Das Dreiergespann aus Christian Schwochow (Regie), Frank Lamm (Kamera) und Jens Klüber (Schnitt) ist eigentlich ein eingespieltes Team, welches gemeinsam gute (Je Suis Karl) oder sogar hervorragende Werke (Deutschstunde) produzierte, doch ist der hektische Stil in München häufig der Handlung voraus. Man ist versucht, den Abspann bis zuletzt zu schauen – nicht in Erwartung einer Post-Credit-Scene, sondern um zu erfahren, ob am Ende nicht etwa stolz „Shot on iPhone“ steht. Werbung Der Schnitt erinnert an Til Schweiger-Filme und Gesprächen lässt sich nur mit viel Konzentration folgen. Bevor man ein Kostüm näher betrachten kann, ist es schon verschwunden. Die Kulissen, teils schön ausstaffiert, haben quasi keine Zeit zu wirken. Vielleicht ist diese schnelle Bildmontage, die dem Auge kaum Ruhe gibt, auch Kalkül – damit niemand merkt, dass bei vermeintlichen Massenszenen getrickst wird und eine Szene in München ziemlich eindeutig im Kolonnadenhof in Berlin gefilmt wurde (liebe Münchener:innen, wenn ich Unrecht habe und ihr einen ähnlichen Säulengang habt, mei, duad ma leid! Schreibt es in die Kommentare.) Breites Figuren-Portfolio Diese stilistischen Entscheidungen sind bedauerlich, denn wenn sie ein ruhiges Bild bekommen, sind die Figuren interessant und das Schauspiel toll. George MacKay ist ein Polit-Profi mit wenig Selbstvertrauen; Jannis Niewöhner ist etwas offensiver im Schauspiel, aber sein Charakter erzeugt Reibung: Ein unsympathisches Arschloch, welches aber doch das Gute will. Die Hauptrollen sind klar gezeichnet, mehr Tiefe wäre möglich, aber nicht nötig gewesen, sie geben der Geschichte den Antrieb. Jeremy Irons spielt den bereits erwähnten Premierminister als alternden Naivling, Sandra Hüller die graue Aktenmaus, Liv Lisa Fries mal wieder den Tomboy in der Zwischenkriegszeit. Alles solide, der Story dienlich, aber nie herausragend. Einzig zwei Figuren stechen heraus: Hitler darf als Fehlbesetzung gewertet werden, optisch sind wir weit entfernt vom Diktator, dessen Gesicht jeder kennt. Auch sein Skript wirkt unpassend, man beschwört in Look und Schauspiel ein regelrechtes Monster herauf, während die Geschichte ihn eher als Wolf im Schafspelz erzählt. Ein Taktiker mit bösen Absichten; ein Pokerspieler, der sich nicht ins Blatt gucken lässt und kein Ass, sondern einen Dolch im Ärmel hat. Er ist schlicht, wenn man das über einen Hitler überhaupt sagen kann, zu monströs geraten. Am anderen Ende der Skala brilliert August Diehl als SS-Mann der Leibgarde Hitlers. In seiner maßlosen Selbstverliebheit, kleinbürgerlichen Wichtigtuerei und schlummernden Brutalität ist er ein tiefer Einblick in die Psyche der NS-Verbrecher. Ein Mann, der nicht nur als Nazi, sondern auch als Mensch schrecklich ist. Spätestens ab seinem zweiten Auftritt wissen wir: Wir haben einen Antagonisten! Und was für einen. Fazit: Nicht schlecht, aber sicher nicht gut Was München gut macht, macht es richtig gut. Die Figuren sind klar skizzierte, handlungsfähige Menschen, welche die spannende Story voranbringen. Doch was der Film schlecht macht: Er ist beim Zuschauen eine wirkliche Herausforderung. Hitler ist ein schelmischer Bösewicht aus dem Comic, nie auf Augenhöhe mit den anderen Figuren. Der visuelle Stil wirkt unüberlegt und unangemessen in einer Story, welche eben nicht auf Action baut, sondern die Möglichkeiten des Dialogs, der Diplomatie und der Hoffnung erforscht. Und dann ist da noch dieser Titel…
    Kritik: München – Im Angesicht des Krieges
    Charaktere
    70%
    Visuelle Umsetzung
    40%
    Schnitt
    35%
    Schauspiel
    75%
    Spannung
    70%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 06.01.2022
    Filmlänge: 130 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , ,
    Bildrechte: Netflix

Gesamtbewertung:

Enttäuschend
58%

Auch in seinem neusten Film bleibt Christian Schwochow politisch. Der Spionage-Thriller zeigt Diplomaten und Untergrundkämpfer, die wahlweise auf Verhandlung oder Taten setzen. Zwar ist das spannend, doch optisch eine mittelmäßige Katastrophe.

Darum geht’s

Adolf Hitler (Ulrich Matthes) plant im Jahr 1938 den Einmarsch in die Tschechoslowakei. Der britische Premierminister (Jeremy Irons) will einen neuen europäischen Krieg verhindern. Er glaubt an eine diplomatische Lösung und lädt die europäischen Großmächte zu einer Konferenz nach München. Doch Paul von Hartmann (Jannis Niewöhner), der im Untergrund den Sturz Hitlers plant, glaubt nicht an dessen Bereitschaft zum Frieden. Er hat belastende Beweise, dass der Diktator einen Expansionskrieg plant. Auch er reist nach München und will die geheimen Dokumente seinem an der Konferenz teilnehmenden britischen Freund (George MacKay) zuspielen um die Briten davon zu überzeugen, dass ein Deal mit Nazi-Deutschland keinen Frieden bringen kann.

Das Ding mit den Titeln...

Wer denkt sich solche Namen aus? Nein, ich rede nicht von Jeremy-Pascal, Ufo361 oder Blend A Med, ich spreche von „München – im Angesicht des Krieges“. Ein Name, der so schwergewichtig daherkommt, dass es schwer fällt, nicht die Augen zu verdrehen. Wie aus einem fiktiven Kriegsfilm, der bei den Simpsons im Kino läuft. Die Romanvorlage verwendete den kurzen, runden Titel „München“, welcher vielleicht wenig aussagekräftig, aber auch deutlich weniger schwülstig daherkommt. Der großspurige Titelzusatz lässt Ungutes vermuten, doch damit stellt sich der Film selbst ein Bein. Denn überschäumendes Pathos ist nicht das Problem des Filmes.

Hugh Legat (George MacKay) und Paul von Hartmann (Jannis Niewöhner) schmieden einen Plan.

Die Geschichte ist etwas unsauber erzählt, macht einen weiten Bogen und führt uns zunächst in den Verschwörerkreis eines möglichen Putsches gegen Hitler. Ein Putsch der ziemlich wackelig daherkommt und schließlich nicht zustande kommt, weshalb die neue Mission des ruppigen Beamten Hartmann nun lautet: der friedliche Kompromiss zwischen Nazi-Deutschland und den europäischen Mächten Italien, Frankreich und Großbritannien darf nicht unterzeichnet werden. Warum dieses Friedensabkommen verhindert werden muss, lässt sich zusammenreimen, etwas mehr Klarheit wäre trotzdem hilfreich.

Die Unterzeichnung des „Friedensabkommens“, welches weder lang- noch kurzfristig Frieden bringen wird, ist der Fixstern des Films. Der britische Premierminister Neville Chamberlain, vom Plot gegen Hitler gänzlich unberührt, ist paradoxerweise eine passive Figur, in der sich jedoch das Drama des Films kondensiert. Es ist ein Film über das Spiel mit dem Feuer, über das Spiel mit Gegnern, die man zu beherrschen glaubt. Chamberlain hat die Hoffnung, mit bösen Menschen gute Deals zu schließen. Und somit ist München auch ein Film über die Möglichkeiten der Politik. Reden vs. Taten. Symbolik vs. Realpolitik. Hoffnung vs. Fakten.

Seekrank durch Kinobesuch

In Romanform mag sich das angenehm genießen lassen, auf der Leinwand wird es als dringlicher Kraftakt umgesetzt, der schnell überfordert. Die heftig wackelnde Kamera, die überall gleichzeitig sein möchte, erinnert eher an Crank als an ernsthafte Spionage-Thriller. Die Anspannung und Unruhe am Vorabend des Weltkrieges ist deutlich, allerdings hätten Schauspiel und Dialoge gereicht, um dies spürbar zu machen.

Das Dreiergespann aus Christian Schwochow (Regie), Frank Lamm (Kamera) und Jens Klüber (Schnitt) ist eigentlich ein eingespieltes Team, welches gemeinsam gute (Je Suis Karl) oder sogar hervorragende Werke (Deutschstunde) produzierte, doch ist der hektische Stil in München häufig der Handlung voraus. Man ist versucht, den Abspann bis zuletzt zu schauen – nicht in Erwartung einer Post-Credit-Scene, sondern um zu erfahren, ob am Ende nicht etwa stolz „Shot on iPhone“ steht.

Werbung



Der Schnitt erinnert an Til Schweiger-Filme und Gesprächen lässt sich nur mit viel Konzentration folgen. Bevor man ein Kostüm näher betrachten kann, ist es schon verschwunden. Die Kulissen, teils schön ausstaffiert, haben quasi keine Zeit zu wirken. Vielleicht ist diese schnelle Bildmontage, die dem Auge kaum Ruhe gibt, auch Kalkül – damit niemand merkt, dass bei vermeintlichen Massenszenen getrickst wird und eine Szene in München ziemlich eindeutig im Kolonnadenhof in Berlin gefilmt wurde (liebe Münchener:innen, wenn ich Unrecht habe und ihr einen ähnlichen Säulengang habt, mei, duad ma leid! Schreibt es in die Kommentare.)

Breites Figuren-Portfolio

Diese stilistischen Entscheidungen sind bedauerlich, denn wenn sie ein ruhiges Bild bekommen, sind die Figuren interessant und das Schauspiel toll. George MacKay ist ein Polit-Profi mit wenig Selbstvertrauen; Jannis Niewöhner ist etwas offensiver im Schauspiel, aber sein Charakter erzeugt Reibung: Ein unsympathisches Arschloch, welches aber doch das Gute will. Die Hauptrollen sind klar gezeichnet, mehr Tiefe wäre möglich, aber nicht nötig gewesen, sie geben der Geschichte den Antrieb.

Premier Chamberlain (Jeremy Irons) glaubt einen Friedensvertrag in den Händen zu halten, doch Hitlers Unteschrift ist wertlos.

Jeremy Irons spielt den bereits erwähnten Premierminister als alternden Naivling, Sandra Hüller die graue Aktenmaus, Liv Lisa Fries mal wieder den Tomboy in der Zwischenkriegszeit. Alles solide, der Story dienlich, aber nie herausragend.

Einzig zwei Figuren stechen heraus: Hitler darf als Fehlbesetzung gewertet werden, optisch sind wir weit entfernt vom Diktator, dessen Gesicht jeder kennt. Auch sein Skript wirkt unpassend, man beschwört in Look und Schauspiel ein regelrechtes Monster herauf, während die Geschichte ihn eher als Wolf im Schafspelz erzählt. Ein Taktiker mit bösen Absichten; ein Pokerspieler, der sich nicht ins Blatt gucken lässt und kein Ass, sondern einen Dolch im Ärmel hat. Er ist schlicht, wenn man das über einen Hitler überhaupt sagen kann, zu monströs geraten.

Die Uniform sitzt noch: August Diehl als würdiger Bösewicht Franz Sauer.

Am anderen Ende der Skala brilliert August Diehl als SS-Mann der Leibgarde Hitlers. In seiner maßlosen Selbstverliebheit, kleinbürgerlichen Wichtigtuerei und schlummernden Brutalität ist er ein tiefer Einblick in die Psyche der NS-Verbrecher. Ein Mann, der nicht nur als Nazi, sondern auch als Mensch schrecklich ist. Spätestens ab seinem zweiten Auftritt wissen wir: Wir haben einen Antagonisten! Und was für einen.

Fazit:

Nicht schlecht, aber sicher nicht gut

Was München gut macht, macht es richtig gut. Die Figuren sind klar skizzierte, handlungsfähige Menschen, welche die spannende Story voranbringen. Doch was der Film schlecht macht: Er ist beim Zuschauen eine wirkliche Herausforderung. Hitler ist ein schelmischer Bösewicht aus dem Comic, nie auf Augenhöhe mit den anderen Figuren. Der visuelle Stil wirkt unüberlegt und unangemessen in einer Story, welche eben nicht auf Action baut, sondern die Möglichkeiten des Dialogs, der Diplomatie und der Hoffnung erforscht. Und dann ist da noch dieser Titel…

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