Kritik: The King’s Man: The Beginning

Aller Anfang ist schwer…
Spoilerfrei!
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  • Titelbild für Kritik The King's Man: The Beginning
  • Faustkämpfende Gentlemen sind wieder schwer in Mode! Bereits zum dritten Mal inszeniert Matthew Vaughn seine adligen Helden – und entscheidet sich dabei für die klassische Origin-Story. Hat sich die Formel abgenutzt oder kann Vaughn dem Franchise einen neuen Anstrich verpassen? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? Europas düstere Zeiten stehen an! Der einflussreiche Duke von Oxford (Ralph Fiennes, No Time To Die) hat alle Hände voll zu tun, den Frieden zu wahren. Ein schwieriges Unterfangen, denn als Erzherzog Franz Ferdinand ermordet wird, droht Krieg zwischen Deutschland, England und Russland auszubrechen. Dabei findet der Duke heraus, dass alle großen Befehlshaber offenbar unter dem Einfluss einer zwielichtigen Organisation stehen. Und zu allem Überfluss möchte sich dann auch noch sein einziger Sohn Conrad (Harris Dickinson) freiwillig für den Krieg melden. Same, same, but very different! Mit Kingsman: The Secret Service ist Matthew Vaughn 2014 das Comeback der stylischen Agenten-Filme gelungen. Witzig, rasant, ultra-brutal und mit einer frischen Inszenierung, bei der vor allem die Kameraarbeit von George Richmond im Gedächtnis blieb. Doch schon dem Sequel Kingsman 2: The Golden Circle ging stellenweise die Luft aus, weshalb das kurz darauf angekündigte Prequel halbwegs überraschend kam. Sind aller guten Dinge wirklich drei? In diesem Fall: nicht wirklich. The King’s Man: The Beginning ist kein Film, den man instinktiv dem Franchise zuordnen würde. Sicherlich ist der Ansatz, die Handlung in reale historische Settings zu packen (Tarantino lässt grüßen!), nicht verkehrt. Schicke Anzüge und adlige Burschen wirken so wesentlich weniger aus der Zeit gefallen, als in den Vorgängern. Doch Matthew Vaughn entscheidet sich in drei großen Punkten für einen auffallend anderen Weg. 1. Wo ist der Humor geblieben? Nicht nur in der Exposition, über die gesamte Laufzeit von The King’s Man: The Beginning geht es überraschend ernst zu. Etwas mehr Gravitas in die Story zu bringen, ist an sich keine schlechte Entscheidung: der Vater-Sohn-Konflikt, die internationalen politischen Machenschaften, ganze Nationen unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg – alles Elemente, die einem Film durchaus guttun. Nur will sich das alles überhaupt nicht nach einem Kingsman-Film anfühlen. Vor allem, weil die bewährte Situationskomik dabei weitestgehend auf der Strecke bleibt. Das Prequel ist maximal ein Film zum Schmunzeln. Etwa bei Rhys Ifans schlicht wahnsinniger Interpretation von Grigori Rasputin, bei der man sich offenbar an den Klamauk der Vorgänger erinnert hat und wieder kurz über die Stränge schlagen wollte. Aber so richtig lachen? Fehlanzeige. Das gelingt noch am ehesten bei der unerwarteten Post-Credit-Szene. Ein Manko, das die recht durchdachte, aber ziemlich überfrachtete Story leider nicht wettmachen kann – vielleicht, weil sie dem Humor selbst im Weg steht. Bei einem Kingsman möchte ich aber lachen. Und das gelingt mit abgegriffenen Klischees über deutsche Kaiser mit Größenwahnsinn oder Fast-Food-verdrückende amerikanische Präsidenten längst nicht. 2. Wer ist der Antagonist? Schmerzhaft fühlt man sich daran zurückerinnert, was den ersten Film so besonders machte. Und da war es nun mal ein sagenhaft selbstironischer, lispelnder Samuel L. Jackson, der die Antagonisten-Rolle einfach neu definierte. Obwohl The King’s Man: The Beginning gleich eine ganze Reihe Widersacher auffährt, bleibt bis auf den oben erwähnten Rhys Ifans niemand wirklich im Gedächtnis. Da können Daniel Brühl (Nebenan), August Diehl (Allied – Vertraute Fremde) oder Joel Basman (Lieber Thomas) noch so gut aufspielen – sie bekommen weder Raum noch Tiefe. Grund dafür ist sicherlich, dass der Kopf der Geheimorganisation Plot-technisch bis zum allerletzten Moment nicht offenbart wird. So bleibt zumindest etwas Raum zum Rätseln, doch das entschädigt nicht für diesen doch etwas generischen Gut-gegen-Böse-Plot. Womöglich hätte es noch mehr over the top benötigt, um eine Groteske der Kriegstreibenden zu erschaffen. 3. Was ist mit der Action passiert? Also: es wird wenig gelacht, der große Antagonist wird von vielen kleinen Bösewichtern vertreten – aber geht es in Kingsman nicht auch immer um die ausgeklügelten Action-Szenen? Ganz recht. Und hier muss man sagen, dass Vaughn nach wie vor zu inszenieren weiß, wie man sich heutzutage amtlich aufs Maul gibt. Mit krachendem Sound-Design, CGI-Blut und wunderbar choreografierten Kampf-Einlagen wird es in The King’s Man: The Beginning zumindest in Sachen Action nicht langweilig. Schade nur, dass wir einmal mehr ein Revival im Stil der vollkommen gestörten Kirchen-Szene aus dem ersten Teil missen müssen. Mehr noch: Matthew Vaughn scheint gänzlich aufgegeben zu haben, das Rad auch nur annähernd neu zu erfinden und setzt auf Action-Bilder der bekannten Schule. Das funktioniert trotzdem solide, erinnert aber auch hier wenig an den ursprünglichen Look der Reihe. Ein Wehrmutstropfen für diejenigen, die sich damals an Richmonds Kameraführung nicht sattsehen konnten. Zu viel von allem, zu wenig vom Richtigen Vaughn hat viel gewagt und ist mit seinem Prequel leider gescheitert. Immerhin lässt sich die ernste Story für den zentralen Konflikt zwischen dem Duke und seinem Sohn genügend Zeit und sorgt für viele Querverweise auf tatsächliche Begebenheiten. Ralph Fiennes spielt nicht nur gewohnt stark auf, ohne ihn würde der seltsame Spagat zwischen drückender Weltkriegsstimmung und tanzenden Russen wohl vollends baden gehen. Der Rest des Casts ist meistens unterfordert, Fiennes bleibt Dreh- und Angelpunkt. In den rund zwei Stunden Laufzeit bekommt man eigentlich einiges geboten, was halbwegs bei Laune halten sollte. Die Enttäuschung über den dritten Kingsman liegt jedoch auch darin begründet, dass er in vielen Punkten nur noch wenig mit dem Auftaktfilm zu tun hat und der neue, vollgestopfte Genre-Cocktail genau damit bricht. Ob sich Matthew Vaughns teilweise drastischer Tonwechsel an den Kinokassen rächt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Und ob sich aus The King’s Man: The Beginning vielleicht ein gänzlich neues Franchise entwickelt, auch. Fazit: Ein 'Kingsman', der kein 'Kingsman' ist Das mit Spannung erwartete Prequel hätte so einiges zu bieten: einen tollen Cast, eine mit der Realität verwobene Agenten-Geschichte und halbwegs tiefgehende Konflikte. Das einzige Problem: der Film hat nicht mehr viel mit den ursprünglichen Teilen zu tun. Weder Antagonist noch Humor können ansatzweise mit dem Erstling mithalten, selbst die Action ist „nur“ gelungen. Auf wahre Innovation wartet man vergebens und erschreckend selten will der ernste Ton mit den eigenen Erwartungen oder den wenigen over-the-top-Momenten harmonieren. Matthew Vaughn hat einen Neuanstrich gewagt, der an allen Ecken und Enden hinkt – und vor allem deshalb negativ auffällt, weil von den Original-Zutaten nur noch wenig übrig geblieben ist.
    Kritik: The King’s Man: The Beginning
    Handlung
    50%
    Schauspiel
    70%
    Action
    75%
    Humor
    50%
    Emotionen
    65%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 06.01.2022
    Filmlänge: 130 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: 2022 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Gesamtbewertung:

Mäßig
62%

Faustkämpfende Gentlemen sind wieder schwer in Mode! Bereits zum dritten Mal inszeniert Matthew Vaughn seine adligen Helden – und entscheidet sich dabei für die klassische Origin-Story. Hat sich die Formel abgenutzt oder kann Vaughn dem Franchise einen neuen Anstrich verpassen? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik.

Worum geht's?

Europas düstere Zeiten stehen an! Der einflussreiche Duke von Oxford (Ralph Fiennes, No Time To Die) hat alle Hände voll zu tun, den Frieden zu wahren. Ein schwieriges Unterfangen, denn als Erzherzog Franz Ferdinand ermordet wird, droht Krieg zwischen Deutschland, England und Russland auszubrechen. Dabei findet der Duke heraus, dass alle großen Befehlshaber offenbar unter dem Einfluss einer zwielichtigen Organisation stehen. Und zu allem Überfluss möchte sich dann auch noch sein einziger Sohn Conrad (Harris Dickinson) freiwillig für den Krieg melden.

Same, same, but very different!

Mit Kingsman: The Secret Service ist Matthew Vaughn 2014 das Comeback der stylischen Agenten-Filme gelungen. Witzig, rasant, ultra-brutal und mit einer frischen Inszenierung, bei der vor allem die Kameraarbeit von George Richmond im Gedächtnis blieb. Doch schon dem Sequel Kingsman 2: The Golden Circle ging stellenweise die Luft aus, weshalb das kurz darauf angekündigte Prequel halbwegs überraschend kam. Sind aller guten Dinge wirklich drei? In diesem Fall: nicht wirklich.

The King’s Man: The Beginning ist kein Film, den man instinktiv dem Franchise zuordnen würde. Sicherlich ist der Ansatz, die Handlung in reale historische Settings zu packen (Tarantino lässt grüßen!), nicht verkehrt. Schicke Anzüge und adlige Burschen wirken so wesentlich weniger aus der Zeit gefallen, als in den Vorgängern. Doch Matthew Vaughn entscheidet sich in drei großen Punkten für einen auffallend anderen Weg.

1. Wo ist der Humor geblieben?

Nicht nur in der Exposition, über die gesamte Laufzeit von The King’s Man: The Beginning geht es überraschend ernst zu. Etwas mehr Gravitas in die Story zu bringen, ist an sich keine schlechte Entscheidung: der Vater-Sohn-Konflikt, die internationalen politischen Machenschaften, ganze Nationen unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg – alles Elemente, die einem Film durchaus guttun. Nur will sich das alles überhaupt nicht nach einem Kingsman-Film anfühlen. Vor allem, weil die bewährte Situationskomik dabei weitestgehend auf der Strecke bleibt.

Ralph Fiennes und Harris Dickinson in einem Szenenbild von The King's Man: The Beginning

Orlando Oxford (Ralph Fiennes, links) ist auf gefährlicher Mission. Seine überbeschützende Art geht Sohnemann Conrad (Harris Dickinson) allerdings sehr gegen den Strich.

Das Prequel ist maximal ein Film zum Schmunzeln. Etwa bei Rhys Ifans schlicht wahnsinniger Interpretation von Grigori Rasputin, bei der man sich offenbar an den Klamauk der Vorgänger erinnert hat und wieder kurz über die Stränge schlagen wollte. Aber so richtig lachen? Fehlanzeige. Das gelingt noch am ehesten bei der unerwarteten Post-Credit-Szene. Ein Manko, das die recht durchdachte, aber ziemlich überfrachtete Story leider nicht wettmachen kann – vielleicht, weil sie dem Humor selbst im Weg steht. Bei einem Kingsman möchte ich aber lachen. Und das gelingt mit abgegriffenen Klischees über deutsche Kaiser mit Größenwahnsinn oder Fast-Food-verdrückende amerikanische Präsidenten längst nicht.

2. Wer ist der Antagonist?

Schmerzhaft fühlt man sich daran zurückerinnert, was den ersten Film so besonders machte. Und da war es nun mal ein sagenhaft selbstironischer, lispelnder Samuel L. Jackson, der die Antagonisten-Rolle einfach neu definierte. Obwohl The King’s Man: The Beginning gleich eine ganze Reihe Widersacher auffährt, bleibt bis auf den oben erwähnten Rhys Ifans niemand wirklich im Gedächtnis. Da können Daniel Brühl (Nebenan), August Diehl (Allied – Vertraute Fremde) oder Joel Basman (Lieber Thomas) noch so gut aufspielen – sie bekommen weder Raum noch Tiefe.

Grund dafür ist sicherlich, dass der Kopf der Geheimorganisation Plot-technisch bis zum allerletzten Moment nicht offenbart wird. So bleibt zumindest etwas Raum zum Rätseln, doch das entschädigt nicht für diesen doch etwas generischen Gut-gegen-Böse-Plot. Womöglich hätte es noch mehr over the top benötigt, um eine Groteske der Kriegstreibenden zu erschaffen.

Rhys Ifans in einem Szenenbild von The King's Man: The Begining

Der russische Schamane Rasputin (Rhys Ifans) ist einer der vielen Widersacher in "The King's Man - The Beginning".

3. Was ist mit der Action passiert?

Also: es wird wenig gelacht, der große Antagonist wird von vielen kleinen Bösewichtern vertreten – aber geht es in Kingsman nicht auch immer um die ausgeklügelten Action-Szenen? Ganz recht. Und hier muss man sagen, dass Vaughn nach wie vor zu inszenieren weiß, wie man sich heutzutage amtlich aufs Maul gibt. Mit krachendem Sound-Design, CGI-Blut und wunderbar choreografierten Kampf-Einlagen wird es in The King’s Man: The Beginning zumindest in Sachen Action nicht langweilig.

Schade nur, dass wir einmal mehr ein Revival im Stil der vollkommen gestörten Kirchen-Szene aus dem ersten Teil missen müssen. Mehr noch: Matthew Vaughn scheint gänzlich aufgegeben zu haben, das Rad auch nur annähernd neu zu erfinden und setzt auf Action-Bilder der bekannten Schule. Das funktioniert trotzdem solide, erinnert aber auch hier wenig an den ursprünglichen Look der Reihe. Ein Wehrmutstropfen für diejenigen, die sich damals an Richmonds Kameraführung nicht sattsehen konnten.

Zu viel von allem, zu wenig vom Richtigen

Vaughn hat viel gewagt und ist mit seinem Prequel leider gescheitert. Immerhin lässt sich die ernste Story für den zentralen Konflikt zwischen dem Duke und seinem Sohn genügend Zeit und sorgt für viele Querverweise auf tatsächliche Begebenheiten. Ralph Fiennes spielt nicht nur gewohnt stark auf, ohne ihn würde der seltsame Spagat zwischen drückender Weltkriegsstimmung und tanzenden Russen wohl vollends baden gehen. Der Rest des Casts ist meistens unterfordert, Fiennes bleibt Dreh- und Angelpunkt.

In den rund zwei Stunden Laufzeit bekommt man eigentlich einiges geboten, was halbwegs bei Laune halten sollte. Die Enttäuschung über den dritten Kingsman liegt jedoch auch darin begründet, dass er in vielen Punkten nur noch wenig mit dem Auftaktfilm zu tun hat und der neue, vollgestopfte Genre-Cocktail genau damit bricht. Ob sich Matthew Vaughns teilweise drastischer Tonwechsel an den Kinokassen rächt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Und ob sich aus The King’s Man: The Beginning vielleicht ein gänzlich neues Franchise entwickelt, auch.

Fazit:

Ein 'Kingsman', der kein 'Kingsman' ist

Das mit Spannung erwartete Prequel hätte so einiges zu bieten: einen tollen Cast, eine mit der Realität verwobene Agenten-Geschichte und halbwegs tiefgehende Konflikte. Das einzige Problem: der Film hat nicht mehr viel mit den ursprünglichen Teilen zu tun. Weder Antagonist noch Humor können ansatzweise mit dem Erstling mithalten, selbst die Action ist „nur“ gelungen. Auf wahre Innovation wartet man vergebens und erschreckend selten will der ernste Ton mit den eigenen Erwartungen oder den wenigen over-the-top-Momenten harmonieren. Matthew Vaughn hat einen Neuanstrich gewagt, der an allen Ecken und Enden hinkt – und vor allem deshalb negativ auffällt, weil von den Original-Zutaten nur noch wenig übrig geblieben ist.

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